Und sie wissen nicht, was sie tun… Sinn, Unsinn und Relevanz von privatem Bloggerjournalismus
Bei dieser Bloggerin stieß ich vor einigen Tagen auf diesen Beitrag zu einer Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung, auf der einer der Redner privaten Bloggerjournalismus als irrelevant und unseriös bezeichnet haben soll.
Das mit der “Relevanz” ist eine geradezu philosophiche Frage ;-): Was ist wichtg? Alles, was die Welt, die Politik, die Massen in ihrer Gestalt, in ihrem Denken und Handeln beeinflusst? Alles, was Fakten und Wahrheiten aufdeckt? (Was sind Wahrheiten?) Oder alles, was der Einzelne für sich selbst als relevant definiert?
Medien folgenden einem bestimmten Medienaufmerksamkeitszyklus. Sie berichten nur über Probleme und Sachverhalte, die gewisse Selektionskriterien passiert haben. Diese Selektionskriterien orientieren sich im Wesentlichen an dem, was die Mehrzahl der potentiellen Medienkonsumenten lesen möchte(!) der vermeintlich lesen wollen könnte. Schließlich ist die Mehrzahl der Zeitungen kein reines Beschäftigungs- oder Sozialprojekt. Es geht hier um Profite für teilweise große Medienkonzerne.
Bloggerinnen und Blogger sowie Betreiber und Betreiberinnen ähnlicher Medien sind in der Regel keine professionellen Journalisten, sondern kommen aus den verschiedensten Berufsgruppen. Sie sind aber als Privatpersonen auch unabhängig von Chefredakteuren, Absatz- und Profitvorgaben. Nicht zuletzt drehen sich viele Blogs um persönliche Erlebnishorizonte und Lebenswelten wie das Leben mit einer Krankheit, tabuiesierte Berufe, alltägliche Probleme usw., für die niemand ein besserer Experte sein kann als der Betreffende selbst. Alle diese Lebenswelten existieren außerdem nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb unserer Gesellschaft. Die virtuelle Anteilnahme an ihnen zeigt, dass sie keinerwegs individuell sind, sondern in ähnlicher Form von anderen geteilt werden. In privaten Weblogs werden unter Umständen Probleme diskutiert, die viele Menschen oder größere Gruppen in unserer Gesellschaft individuell betreffen. Sie dienen oft praktisch der Vernetzung von Menschen: von Depressiven, von jungen Eltern, von politisch Interessierten.
Es stimmt, im Gegensatz zum Journalismus erfordet die Unterhaltung eines Weblogs keine bestimmte Qualifikation außer den Fähigkeiten Lesen und Schreiben. Es lässt sich auch nicht bestreiten, dass es sicher auch tausende langweiliger, für die Massen uninteressanter Weblogs, die auf diversen Servern weltweit Speicherplatz verschwinden und den Internetnutzer mit den Werken untalentierte Gedichteschreiber oder langweiligen Teenager- Tagebüchern nerven. Ob eine Perspektive relevant ist, liegt im Auge des Betrachters. Ob eine Geschichte authentisch und echt ist, das müssen ihre Leser selbst rausfinden. Ob ein politisches Blog wie dieses seriös ist und auf fundierten Kenntnissen über die Sphäre von Politik und Gesellschaft basiert, könnt ihr als vielleicht ebenfalls sachkundige und/ oder interessierte Leser beurteilen.
Weblogs erfordern somit eine andere Medienkompetenz als Tages- und Wochenzeitungen. Während ihr euch bei einem Weblogs fragen müsst: Ist die Geschichte echt? Hat er oder sie sachkundiges Wissen? Ist die Argumentation logisch? Ist der Post gut recherchiert? gehören eben diese Fragen in der Regel auch zur kritischen Lektüre einer Tageszeitung. Zusätzlich solltet ihr euch dann fragen: Warum gerade dieses Thema? Warum wurde ein anderes Thema nicht aufgenommen? Warum berichten die Zeitungen beispielsweise so wenig über dieArbeitskämpfe von Industriearbeiterinnen in der Dritten Welt, die unsere Konsumprodukte unter teilweise menschenrechlich und ethisch nicht vertretbaren Bedingungen herstellen. Beträfe das nicht auch uns alle?
Blogger können professionellen Journalismus sicher nicht ersetzen. Sie können ihn aber ergänzen, gezielt verbreiten und kritisieren. Wenn das noch nicht in einer relevanten Größenordnung geschieht, so ist es nicht die Schuld einzelner Blogger, sondern eine Erscheinungsform des mangelnden sozialen und politischen Interesses. Letztendlich tragt ihr die Verantwortung für das, was ihr lest. Interessante Angebote gibt es dafür auch schon in der Blogssphäre!
Filed under: Zwischenruf! |
Tags: digitale Demokratie, Medienkritik
Blogs gefallen mir auch sehr gut, da man da sehr schnell eine Reaktion auf das Geschriebene bekommen kann, was ja bei den normalen Zeitungen entfällt.
Die meisten Blogs langweilen mich, aber es gibt hin und wieder auch die Nadeln im Heuhaufen, die mich interessieren. An China und anderen undemokratischen Ländern kann man merken, dass Blogger eine immer grössere Rolle spielen und von den Mächtigen mundtot gemacht werden sollen. Der Vorteil der Blogs besteht, dass sie eine relativ große Menge von Menschen ansprechen können, ohne Papier drucken zu müssen und sie an die jeweiligen Leser bringen zu müssen. Und jeder kann schreiben was er will, was bei den konfessionellen Medien oft entfällt. Ein Blog ist der beste Beitrag zu einer mündigen direkten Demokratie.